Neue Wege für bessere medizinische Versorgung
Gesund leben auf dem Land
20.04.10 (ams). Müssen chronisch kranke Menschen immer von einem Arzt versorgt, oder kann ein Teil der Betreuung auch von einer gut ausgebildeten medizinischen Fachkraft übernommen werden? Braucht jedes Dorf einen Arzt mit eigener Praxis oder bietet ein engmaschiges Zusammenwirken von medizinischen Berufen ungeahnte Perspektiven? Welche Möglichkeiten bietet der technische Fortschritt in der Betreuung von Patienten? Mit diesen und vielen anderen Fragen hat sich das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) auseinandergesetzt. Für WIdO-Geschäftsführer Dr. Klaus Jacobs liegt die Antwort auf der Hand: "Die heute ausschließlich an der Zahl der Ärzte orientierte Bedarfsplanungslogik hat ausgedient. Wir brauchen eine versichertenbezogene Leistungsorientierung. Die Planung muss dem Bedarf an Versorgungsleistungen der Versicherten folgen."
"Gesundheitsversorgung kann in ganz unterschiedlichen Formen erbracht werden", sagt Jacobs angesichts der anhaltenden öffentlichen Debatte um die medizinische Versorgung der Bevölkerung vor allem auf dem Land. Die Vorschläge von Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler für eine flexiblere regionale Bedarfsplanung oder eine Lockerung des Zugangs zum Medizinstudium sieht Jacobs als "eher traditionelle Lösungen" an, die im Rahmen bestehender Versorgungs- und Planungsstrukturen blieben. Es habe sich aber gezeigt, "dass das jetzige Instrumentarium für die Sicherung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung offensichtlich grundsätzlich versagt" habe. Trotz einer Zunahme der ambulanten Arztzahlen zwischen 1990 und 2009 um fast 50 Prozent auf 138.000 Mediziner deutschlandweit sei das immer größere Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land nicht verhindert worden. Beispielhaft führt Jacobs die Entwicklung in der Uckermark in Brandenburg einerseits und in Berlin andererseits an: "Während in der Uckermark im vorigen Jahr 17 Hausärzte am rechnerischen Plansoll fehlten, lag die Zahl der Hausärzte in Berlin um 242 über dem Soll."
Neues Denken notwendig
Angesichts der in vielen ländlichen Gebieten drohenden medizinischen Unterversorgung sei ein "neues Denken" gefordert, so Jacobs weiter. Einen Königsweg gebe es dabei nicht. Gefragt seien flexible Lösungen, die die jeweiligen regionalen Angebots- und Nachfragekonstellationen gezielt berücksichtigten. Ein noch so ausdifferenziertes System der zentralen Planwirtschaft könne dies grundsätzlich nicht leisten. Zur Verbesserung der Primärversorgung eigne sich zum Beispiel der vermehrte Einsatz von nichtärztlichen Fachkräften besonders gut. Nicht nur in dünn besiedelten Ländern wie Kanada oder in Skandinavien arbeiteten solche Fachkräfte sehr erfolgreich, auch in Deutschland hätten Gemeindeschwestern in der Vergangenheit zu einer guten Versorgung von beispielsweise chronisch Kranken beigetragen.
In Anlehnung an die beliebte "Schwester Agnes" nach der gleichnamigen DDR-Fernsehserie wurde denn auch das Modellprojekt AGnES (Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Health-gestützte, Systematische Intervention) ins Leben gerufen, das die Vorteile eines Zusammenspiels von Arzt, Gemeindeschwester und telemedizinischen Anwendungen wie Telekooperation zwischen Hausarzt und Gemeindeschwester oder Telemonitoring von chronisch Erkrankten nutzt. Dies ist nach den bisherigen Erfahrungen sowohl von den unmittelbar betroffenen Patienten als auch von den beteiligten Ärzten sehr gut aufgenommen worden, weiß Jacobs. Probleme gebe es dagegen vor allem bei der Einbindung entsprechender Modelle in die starren plan- und kollektivwirtschaftlichen Planungs- und Vergütungssysteme.
MVZ: Vorteile für Patienten und Ärzte
Zudem hält Jacobs einen verstärkten Aufbau Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) für sinnvoll, "und generell flexiblere Organisations-, Erwerbs- und Arbeitszeitstrukturen". In diesem Zusammenhang verweist der Geschäftsführer des WIdO auch auf die notwendige Überwindung der sektoralen Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. "In immer dünner besiedelten Gebieten wird die sogenannte doppelte Facharztschiene in Praxen und Kliniken auf Dauer nicht zuletzt unter wirtschaftlichen Erwägungen kaum aufrecht zu erhalten sein." Denn kleine Kliniken könnten dort ebenso wenig wie ambulante Facharztpraxen auf eine ausreichende Auslastung zählen. "Warum also soll ein Krankenhausarzt nicht auch ambulant arbeiten und warum ein niedergelassener Facharzt als Belegarzt nicht auch stationäre Versorgungsleistungen erbringen dürfen?"
Daneben böten MVZ für die Bevölkerung den Vorteil, unterschiedliche Kompetenzen in einem Haus nutzen zu können, Ärzten bliebe zudem unter anderem "der bürokratische Aufwand einer Einzelpraxis erspart". Als "Schritt in die falsche Richtung" wertet Jacobs mit Blick auf diese MVZ-Vorteile für Ärzte und Patienten die von der Bundesregierung geplanten Einschränkungen bei der Trägerschaft der Zentren, nach denen in der Regel nur noch Vertragsärzte MVZ gründen sollen. "Wenn bei MVZ im Besitz von Kapitalgesellschaften - trotz ärztlicher Leitung - automatisch unethisches, weil ausschließlich renditeorientiertes Verhalten unterstellt wird, dürfte es nach derselben Logik ja auch keine börsennotierten Krankenhausketten mehr geben", so Jacobs weiter. Wie man freiwillig auf Finanzmittel privater Investoren verzichten könne, könne er angesichts des erheblichen Investitionsbedarfs in neue Versorgungsstrukturen und -prozesse nicht nachvollziehen.
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